Getreideernte 2010 – schwierigstes Jahr für die Müller seit Jahrzehnten

verfasst am 24. September 2010 von Andrea Juchem | 0 Kommentare

Die Getreideernte 2010 ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Der wochenlange Regen hat den Bauern – und noch viel mehr den Müllern – ein sehr schwieriges Erntejahr gebracht. Viele Müller sprechen von der schlechtesten Ernte seit Jahrzehnten und meinen damit in erster Linie die Qualität des Brotgetreides.

In diesem Jahr werden voraussichtlich rund 23 Mio. t Weizen und 3 Mio. t Roggen geerntet, das sind etwa 10 % weniger Brotgetreide als im Vorjahr. Die Mühlen vermahlen knapp ein Drittel des in Deutschland geernteten Weizens und Roggens. In normalen Erntejahren können die Mühlen das beste Getreide für ihre Kunden auswählen. 2010 dürften keine 8 Mio. t mühlenfähiges Getreide gedroschen worden sein.

Das Wetter hat in diesem Jahr viele Kapriolen geschlagen: Den sehr kalten und langen Winter haben die Getreidebestände gut überstanden. Mitte Juni hatten sie den Entwicklungsrückstand so gut wie aufgeholt, die Aussichten auf die Ernte waren gut. Dann wurde es in weiten Teilen Europas sehr heiß. Auf den leichten, sandigen Böden bekamen die Bestände erste Probleme mit der Trockenheit. In der zweiten Juliwoche löste die Hitzewelle auf den Getreidemärkten eine regelrechte „Rallye“ aus. Erste Hinweise auf massive Ertragseinbußen in Deutschland, Frankreich und den Schwarzmeerländern zeichneten sich hier bereits ab. Darauf folgender Starkregen und Unwetter setzten den bereits erntereifen Getreidebeständen dann stark zu und beeinträchtigten die Erntearbeiten massiv. Die schlechten Ernteaussichten in Russland, in der Schwarzmeerregion und in Europa sowie ein schwacher US-Dollar beförderten steigende Kurse. Ende Juli erreichte der Preis für Weizen über 200 €/t. Mit dem russischen Exportstopp für Getreide stieg er an der europäischen Warenterminbörse mit 233 €/t auf den höchsten Stand seit 28 Monaten. Das unsichere Erntewetter und die ausgedehnten Niederschlagsperioden hielten bis Ende August an und verzögerten die Ernte immer wieder. Zuletzt konnte selbst in den Anbaugebieten für Qualitätsweizen nur noch Futterweizen geerntet werden.

Die Müller werden mit extremen Schwankungen in der Getreidequalität konfrontiert. In den Frühdruschgebieten hat es sehr gute Ergebnisse gegeben, allerdings mit hohem Schmachtkornanteil. Für die Mühlen heißt das: Es muss mehr Getreide vermahlen werden, um die gleiche Menge Mehl herzustellen. In und nach den Regenperioden wurden dagegen zumeist nur Futterqualitäten eingebracht. Die Mühlen müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die geeigneten Getreidepartien herauszufiltern. Sie werden deutlich mehr Brotgetreide überregional und international einkaufen müssen. Auch Müller, die sich in normalen Jahren ausschließlich in ihrer Region versorgen, kaufen zum Teil in Übersee, um die schlechten Qualitäten auszugleichen. Die Preise für Weizen an der Warenterminbörse bewegen sich seit Anfang August auf einem sehr hohen Niveau um 220 €/t. Anfang September 2009 waren es noch 125 €/t.

Die Mühlen brauchen rasch Gewissheit über die Versorgungslage für die Verhandlungen mit ihren Kunden. Deshalb geht der Appell an die Landwirtschaft, die Brotgetreidequalitäten über das ganze Jahr hinweg zu vermarkten. Die Preise sind derzeit attraktiv. Ob sie weiter steigen, ist reine Spekulation. Sollten die Bauern zu lange mit dem Verkauf von Brotgetreide warten, könnte die Vermarktung schwierig werden.

Textabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verband Deutscher Mühlen

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