Milch und Honig, Teil 1
verfasst am 21. Juli 2011 von Andrea Juchem | 0 Kommentare
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Teil 1: Honig:
»Schwarz trage ich nie«, sagt Imker Sven Petersen und zieht behutsam eine Wabe aus dem Bienenstock: »Schwarz mögen die Bienen nicht. Das erinnert sie an den Bären.« Aber auf sein quietschgelbes T-Shirt mit der Biene Maja vorne drauf fliegen sie – im wahrsten Sinne des Wortes. Überall schwirrt und summt es, die Luft ist voll von Bienen, sie landen und starten auf seinem T-Shirt, auf seinen Händen, auf seinem Kopf. Petersen trägt keine Handschuhe, keinen Hut, geschweige denn den obligatorischen weißen Imkeranzug. »Die tun nichts«, sagt er zärtlich lächelnd und deutet auf die dunkle summende Traube an der Wabe. »Die sind ganz ruhig.« Sven Petersen hat 25 Bienenvölker, das sind fast anderthalb Millionen Bienen.
Als Imker lebt er in deren Rhythmus. Er füttert sie im Winter, erntet im Sommer ihren Honig und impft die Tiere im Herbst gegen die Varroamilbe. In seinem Erntekeller stehen Stahlschleudern, gelbe Eimer und Kisten mit leeren Honiggläsern. Süßlichherber Duft liegt in der Luft. Vorsichtig entfernt der Imker die äußere Wachsschicht von der Wabe. Vier Waben passen in die Schleuder, die leise zu surren beginnt. Behutsames Anschleudern. Dann volle Kraft. Sekunden später quillt der Honig aus dem Hahn, läuft und läuft. »Wenn ich nur Imker wäre, um Honig zu produzieren, das wäre mir zu wenig«, schreit Petersen gegen das hohe Brummen der Schleuder an. Die eigentliche Ernte ist für ihn die Arbeit mit Kindern. Fast täglich kommen Kindergruppen und verabschieden sich während ihres Besuches in der Imkerei vom Bild der bösen Biene, die nichts als schmerzhafte Stiche verursacht. Stattdessen lernen die Kinder etwas ganz Entscheidendes von den Bienen: perfektes Sozialverhalten. »Bienen gelten in der Mythologie als heilig«, sagt Petersen, »weil sie das Prinzip der Gemeinschaft in Perfektion leben.« Sie sind uneigennützig und tun nur wertvolle Sachen. Die Kinder begreifen das: einer für alle, alle für einen. Wer zusammenarbeitet, schafft mehr. Petersen schwärmt: »Bevor sie gehen, stellen wir uns im Kreis auf und sagen: ›Danke, Biene, danke, dass du den Honig für uns sammelst.‹ Dann machen wir die Augen zu, schweigen ein paar Augenblicke und schicken den Bienen in Gedanken ganz viel Sonnenlicht – weil sie Sonne so gern mögen.« Zweimal wird der Honig gesiebt, dann füllt Imker Petersen die goldgelbe zähe Flüssigkeit in große Eimer. Hier lagert sie einige Tage und muss mit wuchtigen Bewegungen täglich mehrmals gerührt werden. »Der Honig ist in Wirklichkeit nur ein Nebenprodukt.
Die eigentliche Leistung der Bienen besteht im Bestäuben der Pflanzen.« Petersen flüstert fast andächtig. »So ein kleines Tier, das so viel leistet, da kannst du nur mit Ehrfurcht davorstehen.« Etwa tausend Blüten bestäubt die Biene pro Tag, indem sie sich beim Aufsaugen des Nektars ganz nebenbei mit Blütenpollen bepudert. Ein Bienenvolk trägt täglich das Sammelgut für drei bis vier Gläser Honig zusammen. Für Petersen ist das, was die Bienen schaffen, ein großes Wunder. Im November, wenn der Imker Zeit hat für seinen Jahresrückblick, kommt er ins Grübeln. »Im Bienenvolk zeigt sich was Höheres, das man mit Verstand nicht fassen kann und wovor man mit Demut steht. Hinter der Leistung der Bienen steht eine Kraft! In meinen Bienen spiegelt sich Gott wider.«
Veröffentlichung des Textes mit freundlicher Genehmigung: Verein Andere Zeiten. Der Text stammt aus „Magazin zum Kirchenjahr, Heft 03/2010

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