Moderne Tierhaltung – der Muh-Faktor

verfasst am 29. August 2010 von Sören Schewe | 3 Kommentare

©-womue-Fotolia.com
Glückliche Kühe geben mehr Milch – zuerst dachte ich an einen Witz des Bauern. Bei näherer Betrachtung des Stalls merkte ich dann aber, dass es dem Bauern damit sehr ernst war. Freilaufende Kühe, ein luftiger Stall, Gummimatten zum Ausruhen und Bürsten für eine Massage – Wellness im Stall. So sieht die Milchvieh-Haltung der Zukunft aus.
 

 

Kürzlich habe ich einen Milchvieh-Betrieb besucht und einige Überraschungen erlebt – also nicht direkt, aber gerade in der Tierhaltung bekommt man im Fernsehen ja so einiges zu sehen, was nicht besonders erfreulich ist. Das Gegenteil, also wie es eigentlich sein sollte, findet dabei eher weniger Beachtung. Klar, interessiert schließlich auch niemanden. Fast niemanden. Mich schon. Und sicher auch einige meiner Leser. Die erste Überraschung war der Geruch nach Kühen und Heu. Das war sehr angenehm, verglichen mit der Nasal-Folter in öffentlichen Verkehrsmitteln bei sommerlichen Temperaturen. Die Kühe konnten sich im Stall frei bewegen und sich zu jeder Zeit frei entscheiden, ob sie nun lieber draußen auf der Weide grasen oder doch lieber im Schatten des Stalls verweilen. Und wo waren alle Kühe während meines Besuchs an einem warmen Sommertag? Natürlich, keine Kuh ist so bekloppt und geht bei solchen Temperaturen freiwillig in die Sonne. Was natürlich auch praktisch war, so konnte ich sie mir alle mal von Gesicht zu Gesicht anschauen. Das war schon ziemlich beeindruckend – sooo viele Kühe, die gar nicht lila waren…

Ebenfalls sehr interessant waren spezielle große Liegeplätze, ausgelegt mit Gummi-Matten. Dort konnten sich ruhe-bedürftige Kühe ausruhen. Und für den Fall, dass es mal juckt, gab es sensor-gesteuerte Bürsten, die auch gerne genutzt wurden. Bei Milchkühen ist eine gute Wasserversorgung besonders wichtig, da sie ungefähr 80 Liter Wasser pro Tag benötigen. Und genau das irritierte mich. Ich sah kein Wasser. Nirgendwo. Bis eine Kuh einen Knopf in einer kleinen gelben Schale drückte und das Wasser heraussprudelte. Gut zu wissen, ich wäre da wohl verdurstet…Und auch ein Bauer kommt heutzutage ohne Computer keinen Meter weit. Zumindest bekommt er so keine Kuh gemolken. Die hatten nämlich alle ein Halsband um den Hals, das alle relevanten Informationen über die jeweilige Kuh enthielt: z.B. darüber, wieviel Kraftfutter die jeweilige Kuh benötigt. Eine exakte Abstimmung ist äußerst wichtig. Nimmt eine Kuh zuviel auf, kann es zu einer Azidose kommen. Ebenso wichtig ist die Computer-Technik beim Melken, lässt sich mithilfe der Daten doch recht schnell ausmachen, ob eine Kuh an einer Euterentzündung leidet und welche das ist. Insgesamt kann man also durchaus sagen, dass die ca. 100 Kühe durchaus glücklich waren. Und geht es den Kühen gut, freut das den Bauern – eigentlich recht einfach.

Und jetzt fällt mir gerade auf, dass ich nur von den Kühen gesprochen habe – genauer handelte es sich um Holstein-Friesian-Kühe, die wohl etablierteste Rasse bei den Hochleistungsmilchkühen mit einer recht konstanten Milchleistung von bis zu 10.000 Litern pro Laktation – grob gesagt pro Jahr, eine jährliche Trächtigkeit natürlich vorrausgesetzt. Für den Erfolg ist der Tierarzt zuständig, der mithilfe künstlicher Befruchtung den Bullen mimt. Das ist zwar keineswegs romantisch, aber durchaus effektiv.

Vor kurzem ist im deutschen Fernsehen mal wieder eine neue Casting-Show aufgetaucht. Gesucht werden Künstler, die den X-Faktor haben. Keine Ahnung, was das ist und wer den dann am Ende hat. Ganz sicher weiß ich aber, dass der von mir besuchte Betrieb den Muh-Faktor hatte – hier stand eindeutig das Wohl der Tiere im Vordergrund. Dafür gibt es dann aber auch immer eine ordentliche Menge Milch.

Außerdem sah ich hier live und in Farbe einen meiner letzten Artikel bestätigt:

Landwirtschaft und Ethik sind kein Oxymoron.

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