Deutsches Mehl europaweit am günstigsten
Bonn, 30. November 2011. Nirgendwo in Europa werden Mahlerzeugnisse zu so günstigen Preisen gehandelt wie in Deutschland. Auf der anderen Seite sehen sich die deutschen Mühlen mit Einkaufspreisen für Brotgetreide konfrontiert, die in der jüngsten Vergangenheit wiederholt drastisch in die Höhe gingen.
Die Preisschwankungen im Mühlenbereich sind fast ausschließlich auf die Getreidepreise zurückzuführen. Das zeigen die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Preisindizes: Bei den Einkaufspreisen für den Mühlenrohstoff Weizen hat es in den letzten Jahren wiederholt extreme Verteuerungen gegeben. Diese folgen bei der weltweit bedeutendsten Getreideart Weizen den Preisen am Weltmarkt, der auf größere Nachfrage mit steigenden Preisen reagiert. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind dabei knappe Ernten in wichtigen Erzeugerländern, das Wachstum der Weltbevölkerung, Änderungen der Verzehrgewohnheiten und die Förderung der Agroenergie. Die Mühlenabgabepreise für Weizenmehl in Deutschland folgen zwar in der Tendenz der Entwicklung der Getreidepreise, jedoch auf deutlich niedrigerem Niveau und jeweils mit Zeitverzug.
Ähnlich ist die Situation bei Roggen, auch wenn diese Getreideart im Welthandel kaum eine Rolle spielt. Hier sind es auch heimische Probleme, die aktuell den Markt beeinflussen. Stark eingeschränkte Roggenanbauflächen und der qualitative „Nahezu-Total-Ausfall“ in einigen der klassischen Lieferregionen Ostdeutschlands führen zu Engpässen in der regionalen Rohstoffbeschaffung. Es ist schon lange her, dass der Anteil von Brotroggen an der Erntemenge mit 50 Prozent so niedrig geschätzt wurde wie in diesem Jahr. Das hat sich bereits in drastisch gestiegenen Einkaufspreisen für Brotroggenqualitäten bemerkbar gemacht, die in der diesjährigen Ernte in bislang ungekannte Höhen schnellten und teilweise sogar Elite-Weizen-Niveau überschritten.
Von der Kostenschere zum fairen Kosten-Sharing
Diese Situation führt in der Müllerei zu einer dramatischen Kostenschere: Auf der einen Seite stehen die – für die Landwirtschaft sicherlich erfreulich – hohen Getreide-Einstandspreise, die in der betrieblichen Kalkulation einer Mühle mit rund 80 Prozent den Löwenanteil ausmachen. Auf der anderen Seite sind kostendeckende Verkaufspreise am Markt vielfach nicht zu realisieren, weil sich die Mehlnachfrage fast ausschließlich an Niedrigpreisen orientiert und auf Qualitätsaspekte wenig Rücksicht nimmt. So befindet sich die heimische Müllerei nach Ansicht des Verbandes Deutscher Mühlen (VDM) in einer extrem schwierigen „Sandwich“-Position zwischen Landwirtschaft und Backgewerbe. „Die Umsatzrendite liegt im Branchendurchschnitt deutlich unter einem Prozent, was Produktentwicklungen, Innovationen und Investitionen erschwert. Aktuell schreibt eine Reihe von Mühlen sogar rote Zahlen. Das gefährdet diebetriebswirtschaftliche Zukunft in vielen der mittelständischen Unternehmen, wie sie für die deutsche Müllerei typisch sind. Das schwierige wirtschaftliche Umfeld und der scharfe Wettbewerb im Lebensmittelhandel belasten die Mühlen in zunehmendem Maße. Wir sehen daher ein wachsendes Risiko für strukturelle Verwerfungen in der Mühlenwirtschaft“, beschreibt VDM-Hauptgeschäftsführer Manfred Weizbauer die Lage.
Die müllerische Kompetenz geht weit über das Zerkleinern von Getreidekörnern hinaus. Der Umgang mit einem Naturprodukt, dessen Eigenschaften und Qualitätsmerkmale von Ernte zu Ernte variieren, erfordert ein umfassendes Know-how, um kontinuierlich gleich bleibende Verarbeitungsqualitäten zu gewährleisten, wie das die Kunden benötigen. „Just-In-Time-Lieferungen, nach Kundenwunsch hergestellte Spezialmehle, die Abfederung der Preisvolatilitäten an den Getreidemärkten oder neue Maßstäbe in der Produktqualität und -sicherheit sind Leistungen, die honoriert werden müssen, aber von manchen Kunden in Lieferverhandlungen häufig gern ausgeblendet werden“, erklärt Weizbauer zum Hintergrund der Situation: „Die Marktpartner in der Wertschöpfungskette sollten daher nach Instrumenten suchen, die auf kalkulatorische Sicherheit zielen. Ich denke dafür beispielsweise an die Möglichkeit, im Dialog geeignete und für beide Seiten günstige Kontrakt-Zeitpunkte zu finden und in den Lieferverträgen festzumachen, um gemeinsam die rohstoffbedingten Kostenrisiken zu verringern.“
Die wirtschaftliche Situation der Branche wäre vermutlich noch ungünstiger, wenn sich Vermahlung und Mehlverbrauch in Deutschland nicht positiv entwickelt hätten. Im Wirtschaftsjahr 2010/11 wurden nach Angaben des VDM acht Millionen Tonnen Brotgetreide vermahlen. „Die stetige Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt den hohen Stellenwert, den die Getreidemahlprodukte – Mehl, Schrot, Grieß und Vollkornerzeugnisse – in unserer Ernährung haben“, kommentiert Weizbauer die Zahlen: „Andererseits muss man aber berücksichtigen, dass hohe Produktionsmengen allein keine Lösung für betriebliche Kalkulationsprobleme sind.“
Vom Feld auf den Teller: Mühlen und Mehl sind zentraler Teil der Ernährungskette
580 deutsche Mühlen vermahlen rund acht Millionen Tonnen Weizen und Roggen. Ihre Mahlerzeugnisse – Mehl, Schrot, Kleie, Vollkornprodukte – sind die Grundlage für die unerreichte Vielfalt von Brot und Backwaren in Deutschland. Mit rund 6.000 Beschäftigten erwirtschaften die Mühlen einen Jahresumsatz von knapp 2,5 Milliarden Euro. Der Verband Deutscher Mühlen mit Sitz in Bonn vertritt ihre Interessen.